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    Patienten, Unternehmen und Plattformen gegen eine Verschärfung des CanG

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    Teile der Bundesregierung in Deutschland stören sich an der derzeitigen Auslegung des Cannabisgesetzes (CanG), das die vorherige Ampel-Koalition auf den Weg gebracht hatte und einen Paradigmenwechsel in der Cannabispolitik verursachte.

    Fortan war es gestattet, bis zu drei Cannabispflanzen in den eigenen vier Wänden anzubauen, bis zu 25 Gramm in der Öffentlichkeit herumzutragen und legal unter Einhaltung von Abstandsregeln zu konsumieren.

    Auch was den Erhalt von Medizinalcannabis über Rezepte für unterschiedliche Krankheitsbilder betraf, ändert sich vieles.

    Nicht länger war ein BtM-Rezept vonnöten und andere Therapieformen mussten erfolglos ausgeschöpft sein, sondern auch die Telemedizin und virtuelle Beratungen reichten, damit erwachsene Menschen an ihre benötigte Medizin gelangen konnten.

    Diese Situation gefällt insbesondere der Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) nicht, die deshalb einen Referentenentwurf für eine Änderung des Cannabisgesetzes entwickelte.

    Und auch der neue Bundesdrogenbeauftragte Hendrik Streeck (CDU) zeigt sich besorgt, dass zu viele Menschen zu leicht an Cannabis über den legalen Weg mittels Online-Apotheke gelangen.

    Gestiegene Importmengen des natürlichen Arzneimittels wären zumindest eines der Zeichen dafür, dass die Gesetzeslage ausgenutzt würde.

    Unternehmen haben Argumente

    Da eine Verschärfung des CanG und die vorgesehenen Einschränkungen bezüglich Cannabismedizin über Online-Apotheken große wirtschaftliche Einschnitte für alle Anbieter wie Plattformen mit sich bringen würde, herrscht bei den Beteiligten und allen darauf angewiesenen Patienten eine berechtigte Sorge vor den möglichen Restriktionen.

    Aus diesem Grund führten verschiedene Unternehmen unter ihren Nutzern Umfragen durch und äußern sich über die Auswirkungen, die aus Sicht beider Parteien nicht als positiv zu bewerten sind.

    So warnt der Geschäftsführer der Bloomwell GmbH, Dr. med. Julian Wichmann, vor einem gesundheitspolitischen Rückschritt, der er als medizinisch unsinnig erachtet. Ebenso wäre aus seiner Sicht eine wirksame Therapie gefährdet, wenn die Telemedizin beschnitten werden würde.

    Bei einer Umfrage mit 2500 Patienten wurde herausgefunden, dass sich 40 Prozent der Telemedizinnutzer zurück auf den Schwarzmarkt bewegen würden, um dann dort ungeprüftes Cannabis kaufen zu können.

    Da auch die restlichen 60 Prozent von dem telemedizinischen Zugang abgeschnitten wären, hätten dieser Großteil der Nutzer fortan insgesamt keine Behandlungsoptionen mehr; mit Folgen für Gesellschaft und die eigene Gesundheit.

    Es sei aus Wichmanns Sicht nicht nachvollziehbar, dass man vor der geplanten Evaluierung des CanG, derartige Schritte in die Wege leiten würde und Cannabis aus Apotheken mit Schwarzmarktmarihuana vergleiche.

    In der medizinischen Versorgung haben wir pharmazeutisch reine Produkte, eine kontrollierte Abgabe, Altersverifikation, ärztliche Ansprechpartner – im Schwarzmarkt nichts davon“, so Dr. med. Julian Wichmann auf heise.de.

    Mehr Patienten – höhere Zahlen

    Auch MedOneCanStop (MCOS GmbH) hat sich unter 9.583 Patienten umgehört und sie über die möglichen Auswirkungen der beschriebenen Verschärfungen in der Telemedizin befragt. Hier sind die Zahlen dementsprechend höher, wie diese Patientengruppe auf ein Verbot des Versands reagieren würden.

    Falls telemedizinische Wege erschwert würden, befürchten 92,6 Prozent eine Rückkehr in illegale Kanäle, während 59,2 Prozent direkt angaben, dass bei Wegfall des digitalen Zugangs der Schwarzmarkthandel die Alternative für sie wäre.

    Nur 5,3 Prozent wären bereit einen Arzt vor Ort aufzusuchen, um ein auf Qualität geprüftes medizinisches Cannabis zu erhalten. Den Eigenanbau ihrer Medizin sehen nur 23,8 Prozent als alternative Zugangsquelle für sich an, aber auch hier sind Gespräche mit dem Arzt und gesicherte Qualität nicht länger vorhanden.

    Insgesamt erwarten 96,7 Prozent bei Zugangsbeschränkungen ein Anstieg des Schwarzmarkthandels, der von 82,8 Prozent als „massiv“ bezeichnet wird.

    Dagegen sind 84,7 Prozent der befragten Nutzer der Telemedizinplattform der Überzeugung, dass der Schwarzmarkt dank des legalen und ärztlich begleiteten Zugangs deutlich bis sehr stark geschwächt worden sei.

    Cedric Lehmann, der Gründer & CEO von MedCanOneStop weist darauf hin, dass die Daten klar zeigen würden, dass „niedrigschwellige Zugänge“ die „Menschen im ärztlich begleiteten, sicheren System halten“ würden.

    Auf prnews24.com wird zudem noch darüber berichtet, dass 75,6 der Nutzer einem verpflichtenden jährlichen ärztlichen Video-Termin akzeptieren würden und 93,6 Prozent bereit dafür wären, auch extra zu bezahlen, solange die finanzielle Belastung nicht zu groß wäre.

    Verkennung der Realität

    Die Zunahme der Importmengen von Cannabis wird von den Kritikern des Gesetzes als Beweis dafür gesehen, dass immer mehr Menschen über die Telemedizin an das natürliche Arzneimittel gelangen, obwohl sie es nicht zu medizinischen Zwecken, sondern nur aus Genussgründen benötigten.

    Hier widerspricht nun ein Positionspapier des mit 3000 Apotheken zusammenarbeitenden Unternehmens Cansativa.

    Die Tatsache, dass der Import von Cannabis für medizinische Zwecke deutlich stärker gewachsen ist als die Verordnungen seitens der gesetzlichen Krankenkassen, wäre kein Hinweis darauf, dass hier Missbrauch betrieben würde.

    Die vorgelegten Begründungen im Gesetzeslage und geplanten Veränderungen würden die Versorgungsrealität verkennen, da ein erheblicher Teil der aktuellen Importmengen nicht direkt an Patienten weitergegeben werde.

    Stattdessen würde man hierzulande viel weiterverarbeiten, erneut exportieren oder aufgrund von mangelhafter Qualität ganz einfach vernichten.

    Das Positionspapier weist darauf hin, dass Deutschland sich zunehmend zu einem Drehkreuz für den Handel mit Medizinalcannabis etabliert habe, und die Importstatistik somit daher keine belastbaren Rückschlüsse erlaube.

    Das tatsächliche Verbrauchs- oder Missbrauchsniveau lasse sich auf diesem Weg nicht ermitteln. Abgebildet würde eher die vielschichtige, europäisch eingebettete Markt- und Versorgungsstruktur.

    Neue Rahmenbedingungen hätten zudem dazu geführt, dass viele Menschen auch ohne Kostenübernahme seitens der Krankenkasse nun einen Zugang zu Behandlungen besäßen.

    Verbessern statt verbieten

    Bestätigt wird von den genannten Unternehmen, dass es im Bereich der Telemedizin einige Anbieter geben kann, die nicht regelkonform arbeiten würden und Rezepte ohne eine angemessene Anamnese ausstellten.

    Daher müsste hier nachgebessert werden, anstatt das gesamte Model infrage zu stellen.

    Gezielte Maßnahmen, die klar zwischen unseriösen Geschäftsmodellen und der regulären medizinischen Versorgung unterscheiden“, sind daher der sinnvollere Weg, um Patienten, gerade in weniger besiedelten Gebieten, den Zugang zu Cannabismedizin gewährleisten zu können.

    Verbindliche Qualitätsstandards für Telemedizin seien notwendig, damit das Vertrauen in Medizinalcannabis nicht verringert wird.

    Daher gibt es die Forderung nach differenzierte Maßnahmen, die neben der Versorgungssicherheit auch eine Missbrauchsprävention gewährleisten können.

    Da nur ein Bruchteil der deutschen Apotheken regulär Cannabis zu medizinischen Zwecken führt, habe sich der Versand als patientenorientierter Versorgungsweg etabliert.

    Mit einer guten Zusammenarbeit mit deutschen Apotheken, einer digitalen Identitätsprüfung mit einem gültigen Ausweis und regelmäßige Video- wie vor Ort Sprechstunden ließe sich der mögliche Missbrauch von Medizinalhanf zu Genusszwecken verhindern.

    Ein Verbot des telemedizinischen Zugangs wäre dagegen für schwerkranke Patienten mit teils eingeschränkter Mobilität einfach nicht zumutbar.

    Matthias Meyer

    Matthias Meyer is a seasoned journalist and editor based in Berlin, with over a decade of experience covering cannabis, gaming, and counterculture industries. He served as Editor-in-Chief of Hanf Journal, one of Germany’s leading cannabis publications, from 2016 to 2021, where he oversaw editorial strategy, reporting, and digital development. As a contributing author to Business of Cannabis, he brings deep insights into Germany’s evolving cannabis landscape, drawing on years of frontline reporting, event coverage, and industry commentary.